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Baukultur für mehr Lebensqualität aktivieren

Strategieempfehlungen für Städte in Sachsen und Polen

In historischen Klein- und Mittelstädten entlang der sächsisch-polnischen Grenze schlummern viele Potenziale. Mit ihrem kulturellen Erbe ließe sich viel für die Lebensqualität und Attraktivität der Ortschaften erreichen. Wie das gelingen kann, hat das EU-Projekt "REVIVAL! - Revitalisierung der historischen Städte in Niederschlesien und Sachsen" unter Leitung des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) untersucht. Für die Region sowie die beteiligten vier sächsischen und sechs polnischen Städte liegen nun Strategieempfehlungen vor.

In Sachsen hat das deutsch-polnische Projektteam die Städte Bautzen, Görlitz, Reichenbach/O.L. und Zittau unter die Lupe genommen. Im Zentrum stand die Frage: Welchen Beitrag kann das baukulturelle Erbe der Kommunen mit ihren historischen Stadtkernen zur Lebensqualität und auch zur nachhaltigen Entwicklung der grenzübergreifenden Region leisten? Mit den nun formulierten Strategieempfehlungen möchte das Projektteam dazu beitragen, dass die Städte dieses Potenzial auch aktivieren können.

Dass die historische Städtelandschaft in Sachsen und Niederschlesien jede Menge solcher Potenziale, also bisher wenig oder ungenutzte Möglichkeiten bietet, daran lassen die Projektergebnisse keinen Zweifel. „Allein die vielen Aktivitäten, die die beteiligten Städte im Laufe des Projektes von Oktober 2018 bis Dezember 2020 und trotz Corona-Beschränkungen entwickelt haben, lassen erahnen, aus welchem reichen Fundus sie eigentlich schöpfen könnten“, sagt Projektleiter Prof. Dr. Robert Knippschild vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR). So hat jede der beteiligten Städte eine Pilotmaßnahme umgesetzt, um historische Bausubstanz oder immaterielles Erbe wie Handwerkstraditionen für die eigene Bevölkerung und Gäste sicht- und erlebbar zu machen.

Fünf Thesen zur Bedeutung von baukulturellem Erbe

Doch wie lässt sich das Potenzial auch dauerhaft und strategisch nutzen? Was kann kulturelles Erbe wirklich zur Lebensqualität in den Städten beitragen? Diese Fragen haben die drei wissenschaftlichen Partner im Projekt gemeinsam mit den Partnerstädten untersucht. Ihre Ergebnisse haben das IÖR, das Internationale Hochschulinstitut (IHI) Zittau der Technischen Universität Dresden und das polnische Institut für Territoriale Entwicklung (IRT) in Strategieempfehlungen für die Region und jede einzelne der beteiligten Städte zusammengefasst. Auf der Basis von Literaturrecherchen und Expertengesprächen haben die wissenschaftlichen Partner zunächst fünf Thesen formuliert. Darin beschreiben sie den möglichen Beitrag des baukulturellen Erbes zur Lebensqualität in den Städten. Die Wissenschaftler*innen nahmen zum Beispiel an, dass die historische Bausubstanz der Städte wie auch Handwerkstraditionen zu ihrer Identität beitragen und das Heimatgefühl der Bewohner*innen stärken. Auch positive Wirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt, das Kultur- und Bildungsangebot, Stadtstruktur und öffentliche Räume oder für die lokale Wirtschaft werden dem baukulturellen Erbe in den Thesen zugeschrieben. Inwieweit diese Annahmen tatsächlich in der Realität der beteiligten Städte Bestätigung finden, haben die Wissenschaftler*innen gemeinsam mit Akteur*innen vor Ort ergründet. In jeder Stadt gab es dazu intensive Fokusgruppengespräche und Ortsbegehungen. So wurden die Thesen mit lokalen Informationen angereichert und für jede Stadt der individuelle Handlungsbedarf herausgearbeitet, Schlussfolgerungen zu Stärken und Schwächen, Potenzialen und Herausforderungen gezogen und schließlich Strategieempfehlungen für das weitere Vorgehen formuliert. Auch für die Region als Gesamtheit hat das Projektteam solche Empfehlungen abgeleitet.

„Es wurde deutlich im Projekt, dass die Städte zum Teil mit sehr ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Hier können sie voneinander lernen und sollten auch gemeinsam zu Lösungen finden. Auf der anderen Seite hängt es aber auch immer von sehr lokalen Rahmenbedingungen ab, wie sich baukulturelles Erbe in den Städten aktivieren lässt und damit zu mehr Lebensqualität beitragen kann“, erläutert Robert Knippschild. Eine Rolle spielten dabei neben dem baulichen Zustand der historischen Innenstädte und den finanziellen Möglichkeiten der Kommunen auch das unterschiedlich ausgeprägte Interesse und Engagement sowie der Zusammenhalt in der Bevölkerung.

Gemeinsame und individuelle Strategien entwickeln

Themen, die alle vier deutschen Partnerstädte umtreiben, sind etwa der Spagat zwischen Denkmalschutz und Modernisierungsbedarf bei der Nutzung historischer Gebäude oder die Fragen, wie sich die jüngere Generation für das kulturelle Erbe begeistern lasse und wie sich die Baukultur auch dazu nutzen ließe, den demografischen Wandel und die Abwanderung aus den Städten zu stoppen. „Insgesamt lässt sich sagen, dass hier jede Kommune ihren eigenen guten Weg finden muss. Mit den Strategieempfehlungen geben wir ihnen viele wichtige Hinweise an die Hand. Aber auch die Ebene der Regional- und Landesplanung auf beiden Seiten der sächsisch-polnischen Grenze haben wir bei unseren Arbeiten berücksichtigt“, erläutert Robert Knippschild. Dabei agierte das Projekt nicht im „luftleeren“ Raum. In den Dokumenten, den Strategieempfehlungen ebenso wie in einer zusammenfassenden Abschlussbroschüre, finden sich auch Hinweise auf bereits vorhandene Strategiepapiere und Planungsdokumente. Die Region und die Projektstädte können damit an bereits Bestehendes anknüpfen.

REVIVAL!-Strategieempfehlungen für die Region und einzelne Projektpartnerstädte

Die REVIVAL!-Strategieempfehlungen für Bautzen, Görlitz, Reichenbach/O.L. und Zittau sind auf der Internetseite des Projektes zu finden. Den individuellen Strategieempfehlungen sind in den Dokumenten jeweils die Empfehlungen für die gesamte Region vorangestellt:
http://revival.ioer.eu/aktivitaeten/strategieempfehlungen/

Hintergrund

Von Oktober 2018 bis Dezember 2020 widmeten sich im Projekt „REVIVAL! – Revitalisierung der historischen Städte in Niederschlesien und Sachsen“ drei wissenschaftliche Einrichtungen und zehn Städte in Südwestpolen und Ostsachsen der Frage, wie Klein- und Mittelstädte im ländlichen Raum ihr baukulturelles Erbe besser nutzen und so die Attraktivität ihrer Innenstädte steigern können.

Die wissenschaftlichen Partner waren das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR, Projektleitung), das Internationale Hochschulinstitut (IHI) Zittau der Technischen Universität Dresden und das Instytut Rozwoju Terytorialnego (IRT, Institut für Territoriale Entwicklung) der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen. Als Praxispartner gehörten vier deutsche und sechs polnische Städte zum Verbund. Auf deutscher Seite waren das die Städte Bautzen, Görlitz, Reichenbach und Zittau, auf polnischer Seite die Städte Bolesławiec, Gryfów Śląski, Kamienna Góra, Lubawka, Lubomierz und Żary.

Im Rahmen des Projektes sind eine wissenschaftliche Studie und daraus abgeleiteten Strategieempfehlungen für die Städte und die Region entstanden. Außerdem haben die Städte Pilotmaßnahmen zur Belebung ihrer Innenstädte sowie eine gemeinsame Veranstaltungsreihe umgesetzt. Eine Wanderausstellung und eine interaktive Webanwendung informieren ebenfalls über das Projekt.

REVIVAL! wurde im Rahmen des Kooperationsprogrammes INTERREG Polen-Sachsen 2014-2020 gefördert. Es erhält aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) 877.544 Euro. Das entspricht 85 % des Gesamtvolumens von 1.032.906 Euro. Die restlichen Mittel haben die Projektpartner aufgebracht.

Weitere Informationen: http://revival.ioer.eu/ 

Lage der Partnerstädte des Projekts REVIVAL! im Fördergebiet INTERREG Polen-Sachsen 2014-2020. (Quelle: REVIVAL! auf Basis von OpenStreetMap)