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Schreibt sich die Glasindustrie ihre Software bald selbst?

Lumeso: „Make or buy“ im KI-Zeitalter

Seit Anfang Juli ist die KI „Claude Fable 5“ in Europa verfügbar – ein beeindruckend leistungsfähiges KI-Modell mit besonderen Stärken beim Schreiben von Software, ohne erforderliche Programmierkenntnisse der Anwender. Georg Katzlinger-Söllradl, CEO und Mitbegründer des österreichischen Softwareunternehmens Lumeso, erklärt, wo sich das Selbermachen für Glasverarbeiter jetzt lohnt, wo es teuer wird – und warum offene ERP-Systeme zu den Gewinnern des KI-Zeitalters gehören.  

Seit der Rückkehr von „Claude Fable 5“ fragen sich viele Glasverarbeiter: Wenn ein KI-Modell auf Zuruf funktionierende Programme schreibt – warum dann noch Software kaufen? Make or buy? Georg Katzlinger-Söllradl, CEO des in Linz ansässigen KI-Unternehmens Lumeso, das seit mehr als einem Jahr erfolgreich mit seiner KI-Lösung für die Flachglasindustrie arbeitet, hält die Frage für berechtigt – und die Antwort für differenzierter, als es die beeindruckenden Demos vermuten lassen. „Für kleine, interne und unkritische Werkzeuge lohnt sich das Selbermachen tatsächlich zum ersten Mal“, so Katzlinger-Söllradl. „Ein Produktionsleiter kann heute einen Durchsatz-Monitor, ein Bruch-Dashboard oder eine Lieferschein-Prüfung in normaler Sprache beschreiben und hält binnen weniger Tage etwas Brauchbares in Händen – Software, die bisweilen unattraktiv teuer war, weil sie nur genau ein Problem in genau einem Werk löst.“ 

Genau hier beginnt allerdings die Täuschung, denn KI-Modelle wie Fable 5 liefern zwar an einem Tag eine überzeugende 80-Prozent-Demo, eine nahezu hundertprozentige Lösung jedoch, auf die sich Mitarbeiter im Tagesgeschäft dauerhaft verlassen können, kostet Wochen bis Monate – und sobald die Anforderungen komplex werden, laufen die Kosten erfahrungsgemäß weit über das ursprünglich Veranschlagte hinaus. Hinzu kommt eine oft übersehene Tatsache: „Die Profis nutzen dieselben KI-Werkzeuge – und sie nutzen sie natürlich besser“, erläutert Katzlinger-Söllradl. „Der Produktivitätsschub durch Lösungen wie Claude schließt die Lücke zwischen Amateur und Profi nicht, er vergrößert sie. Denn das Ergebnis des Profis ist auch in fünf Jahren noch wartbar, erweiterbar und dokumentiert.“ 

KI-Chance: offenes ERP-System

Die Antwort auf die Make-or-buy-Frage lautet für Katzlinger-Söllradl deshalb: Make & Buy. Selbstgebaute Kleinwerkzeuge und spezialisierte Drittanwendungen gruppieren sich um einen professionell gepflegten Kern – Zuschnitt-Optimierung, Kalkulationslogik, Stammdaten, Rückverfolgbarkeit – der besser weiterhin gekauft wird. „Ein funktionierender Prototyp ist noch keine Unternehmenssoftware, die das Werk montags um sechs Uhr früh trägt. In zwanzig Jahren gewachsene Logik baut niemand nebenbei nach – auch nicht mit KI.“ Die ERP-Anbieter ebnen dabei ihren Kunden ganz wesentlich den Weg zum Erfolg: Das offene ERP mit nutzbarer, dokumentierter Schnittstelle (API) verschafft Kunden den größten Nutzen, weil es die Vielfalt aus selbstgebauten Werkzeugen und spezialisierten Expertenanwendungen erst ermöglicht – und dabei selbst als verlässliches Fundament im Zentrum bleibt. 

Wie das Zusammenspiel aussieht, zeigt Lumesos eigene KI-Lösung: Sie liest Anfragen und Bestellungen aus E-Mails, PDFs, Scans und Zeichnungen aus und übergibt nach menschlicher Freigabe geprüfte Datensätze an das ERP-System – über Schnittstellen, die konzeptionell auf dem offenen Standard VDMA 24124 (OPC UA) basieren. Lumeso agiert dabei ERP-unabhängig, geht aber in ein ideales Wechselspiel der Kernkompetenzen: Stammdaten, Kalkulations- und Preislogik verbleiben im ERP, die KI übernimmt das Auslesen, Strukturieren und Vorerfassen – jeder macht, was er am besten kann. Katzlinger-Söllradl: „Für mich ist das offene ERP der große Gewinner des KI-Zeitalters: Es wird zur Plattform, auf der jeder Verarbeiter selbstgebaute Werkzeuge und Spezialanwendungen zu etwas kombiniert, das kein Wettbewerber kopieren kann. Je offener das Kernsystem, desto größer der Nutzen für seine Kunden – und desto wertvoller wird es selbst.“

Schnelle Demo, teure Reife: Auf den letzten Prozenten einer selbstgebauten Softwarelösung steigt der Aufwand überproportional. Lumeso CTO Christian Kimmeswenger berät im Kundengespräch. Foto: Lumeso FlexCo
Die Lumeso-Geschäftsführer Christian Kimmeswenger und Georg Katzlinger-Söllradl auf einer Baustelle in Linz beim „Lokalaugenschein“ – um praktische Anforderungen von Endanwendungen besser zu verstehen. Foto: Lumeso FlexCo
Um Prozesse besser zu verstehen, analysieren Lumeso-Geschäftsführer Christian Kimmeswenger und Georg Katzlinger-Söllradl Wertströme auf einer Kundenanlage. Foto: Lumeso FlexCo